Die Entstehung der modernen Phytotherapie
Die moderne Phytotherapie hat ihre Wurzeln in der Renaissance mit der Entstehung der ersten Universitäten und medizinischen Lehranstalten. Die wichtigste war die „Scuola Medica Salernitana“ (11.–13. Jh.), die sowohl von den fernöstlichen und vor allem arabischen, als auch von der abendländischen, sprich griechisch-römischen Heilpflanzenkunde beeinflusst wurde.
Eine wichtige Rolle spielte auch die Universität von Montpellier, die als Erbin der Scuola Salernitana galt. Ebenfalls bedeutend waren einige berühmte Gelehrte jener Zeit wie z.B. Paracelsus (1493-1541).
Die volkstümliche Tradition sieht vor allem folgende Zubereitungsmethoden von Heilpflanzen vor:
Aufguss oder Infus: Dabei werden Drogen bzw. Heilkräuter in einem Gefäß mit kochendem übergegossen, 5-20 Minuten lang ziehen gelassen und dann gefiltert. Für einen Aufguss werden meist die weichsten Teile der Pflanze wie Blüten, Sprossen und Blätter verwendet.
Abkochung oder Dekokt: Dabei werden die Drogen zuerst in einen Behälter mit kaltem Wasser gegeben, langsam für etwa 15-30 Minuten zum Kochen gebracht und schließlich wird die Flüssigkeit gefiltert. Diese Zubereitungsmethode wird meist zur Verarbeitung der harten Teile einer Heilpflanze wie etwa die Wurzeln, die Rinde oder die Samen eingesetzt.
Kräutertee: Dabei werden mehrere Heilpflanzen mit derselben Wirkung und denselben chemisch-physikalischen Eigenschaften vermischt, wobei eine Heilpflanze die wichtigste pharmakologische Wirkung hat und als Grundsubstanz dient. Kräutertees werden in Form von Aufguss oder Abkochung zubereitet.
Tintkur: Dabei handelt es sich um hydroalkoholische Extrakte aus Heilpflanzen, die mit Alkohol als Lösungsmittel vermischt werden. Die getrockneten Pflanzen werden 5 bis 10 Tage lang in Alkohol eingeweicht und im Anschluss wird die Flüssigkeit gefiltert.
Hydrolat: Dabei werden die „Drogen“ durch Wasserdampfdestillation verarbeitet.
Oleolyt: Dabei handelt es sich um eine Lösung aus in Öl aufgelösten Medikamenten.
Gegen die klassische Phytotherapie wurde meist die Kritik erhoben, dass die Wirkung des Mittels variierte, da die Frische der Pflanzen oder den Boden, auf dem sie wachsen, nicht immer kontrolliert werden kann.
Die moderne Phytotherapie ging von einer vor allem empirischen Phase zu einer vorwiegend medizinisch-wissenschaftlichen Phase mit Forschungen in den Bereichen Botanik und Pharmakodynamik über, bei der die chemische Analyse der Pflanzen, Tierversuche und echte klinische Studien wichtiger wurden.
Die moderne Phytotherapie schreibt strenge Vorschriften für den Gebrauch der Heilpflanzen bereits bei der Sammlung vor, die an geeigneten Orten und innerhalb der geeigneten Zeiten erfolgen muss, um die bestmögliche Wirkung der Pflanze zu erhalten. Dabei wird der gesamte biologische Kreislauf von Saat, Keimung, Wachstum, Blüte usw. respektiert. Auch Düngung und Schädlingsbekämpfung bei Kulturen müssen so erfolgen, dass der kleinstmögliche Anteil an verwendeten Substanzen aufgenommen wird, wobei natürliche Produkte bevorzugt werden. Nach Möglichkeit sollten die wild wachsenden Pflanzen aus ihrem natürlichen Lebensraum gewonnen werden.
Die moderne Phytotherapie verwendet heute Urtinkturen und Glyzerinmazerate (1DH), das sind sorgfältig und wissenschaftlich zubereitete und kontrollierte Medikamente.
Bei der Herstellung von werden frische, in seltenen Fällen auch getrocknete Pflanzen in Alkohol mit unterschiedlichem Alkoholgehalt (meist 30°-60°) für 3 Wochen eingeweicht und regelmäßig geschüttelt. Dann wird die Flüssigkeit dekantiert, aus den Pflanzen gepresst und mit Alkohol vermischt, um die gewünschte Konzentration und den gewünschten Alkoholgehalt zu erreichen. Das Ganze wird vermischt, 2 Tage ruhen gelassen und gefiltert, woraus die Urtinktur entsteht.
Glyzerinmazerate (1DH) entstehen durch die lösende Wirkung von verdünntem Glycerin an zerkleinerten frischen Knospen oder anderen Geweben im Wachstumsstadion. Die Flüssigkeit wird dekantiert, 48 Stunden ruhen gelassen und dann gefiltert. Die daraus gewonnene Flüssigkeit wird im Verhältnis 1:10 mit einer Lösung aus 20 Teilen Wasser, 30 Teilen Alkohol und 50 Teilen Glycerin vermischt. Dabei entsteht das Glyzerinmazerat mit erster hahnemannscher Dezimalpotenz (1DH).
Die gewonnenen Präparate werden einer Reihe von Qualitäts- und Quantitätskontrollen unterzogen. Dabei werden die organoleptischen, chemischen und physikalischen Eigenschaften festgestellt, um immer gleiche Medikamente herzustellen, die dieselben Proportionen pharmakologisch aktiver Produkte aufweisen.
Zudem verwendet die moderne Phytotherapie nicht nur den Wirkstoff der Heilpflanze sondern auch das „Phytokomplex“, das aus verschiedenen Substanzen besteht. Diese Substanzen sind der Wirkstoff bzw. die Wirkstoffen sowie eine Reihe anderer Moleküle wie organische Verbindungen, Spurenelemente, Mineralsalze, Vitamine, Enzyme usw., die die Heilpflanze in ihrer Einheit ausmachen. Ihre biologischen Funktionen stehen in Wechselwirkung zueinander und tragen zur gesamten therapeutischen Wirkung bei.